Erwartungswert und Histogramm
Aus \(n\) und \(p\) allein lassen sich zwei Zahlen ablesen, die das ganze Histogramm beschreiben: wo es steht und wie breit es ist. Beide muss man nicht ausrechnen — man sieht sie.
Die rote Linie sitzt beim Erwartungswert \(\mu = n\cdot p\) und wandert mit. Orange sind die Säulen im Bereich \(\mu-\sigma\) bis \(\mu+\sigma\) — der Streubereich einer Standardabweichung.
Ist \(X\) binomialverteilt mit den Parametern \(n\) und \(p\), so gilt
$$\mu = E(X) = n\cdot p \qquad\text{und}\qquad \sigma = \sqrt{n\cdot p\cdot(1-p)}$$
Der Erwartungswert ist plausibel: Bei \(n\) Versuchen mit Trefferquote \(p\) erwartet man auf lange Sicht \(n\cdot p\) Treffer. Die Formel für \(\sigma\) spart die lange Rechnung über alle \(n+1\) Summanden.
Die Standardabweichung \(\sigma\) misst, wie weit die Werte um \(\mu\) streuen: Je größer \(\sigma\), desto breiter das Histogramm.
- Höchste SäuleIst \(\mu\) ganzzahlig, steht sie genau bei \(k=\mu\). Sonst steht sie bei einem der beiden benachbarten ganzen Zahlen — nicht immer bei der näheren, und manchmal sind beide gleich hoch.
- Lage\(\mu\) verschiebt das ganze Bild nach rechts, wenn \(n\) oder \(p\) wächst.
- Breite\(\sigma\) ist bei festem \(n\) am größten für \(p=0{,}5\) und wird zu beiden Rändern hin kleiner. Für \(p\) nahe \(0\) oder \(1\) steht die Verteilung schmal am Rand und ist deutlich unsymmetrisch.
- FaustregelIst \(\sigma \gt 3\), so liegen rund \(68\,\%\) aller Werte im Bereich \(\mu \pm \sigma\).
Vier Würfel werden geworfen, \(X\) zählt die Sechsen. Also \(n=4\) und \(p=\tfrac16\).
| \(x_i\) | \(0\) | \(1\) | \(2\) | \(3\) | \(4\) |
|---|---|---|---|---|---|
| \(P(X=x_i)\) | \(0{,}482\) | \(0{,}386\) | \(0{,}116\) | \(0{,}015\) | \(0{,}001\) |
Über die Definition des Erwartungswerts:
$$E(X) = 0\cdot 0{,}482 + 1\cdot 0{,}386 + 2\cdot 0{,}116 + 3\cdot 0{,}015 + 4\cdot 0{,}001 \approx 0{,}667$$
Mit der Formel geht es in einem Schritt — und liefert dasselbe:
$$\mu = n\cdot p = 4\cdot\tfrac16 = \tfrac23 = 0{,}\overline{6}$$
$$\sigma = \sqrt{4\cdot\tfrac16\cdot\tfrac56} = \sqrt{\tfrac59} \approx 0{,}745$$
Hier ist \(\mu\) nicht ganzzahlig, und die höchste Säule steht bei \(k=0\) — nicht bei \(k=1\), obwohl \(1\) näher an \(0{,}667\) liegt.
Teste dich
Eine Münze wird \(100\)-mal geworfen. Bestimme \(\mu\) und \(\sigma\).
\(n=100\), \(p=0{,}5\):
$$\mu = 100\cdot 0{,}5 = 50, \qquad \sigma = \sqrt{100\cdot 0{,}5\cdot 0{,}5} = \sqrt{25} = 5$$
Wegen \(\sigma \gt 3\) liegen rund \(68\,\%\) der Ergebnisse zwischen \(45\) und \(55\) Wappen — die Antwort auf die Frage vom Kapitelanfang.
Bei welchem \(p\) streut eine Bernoulli-Kette der Länge \(n\) am stärksten?
Zu maximieren ist \(\sigma^2 = n\cdot p\cdot(1-p)\). Der Term \(p(1-p)\) ist eine nach unten geöffnete Parabel mit Nullstellen bei \(0\) und \(1\), ihr Hochpunkt liegt in der Mitte:
$$p = 0{,}5 \quad\Rightarrow\quad \sigma = \sqrt{n\cdot 0{,}25} = \tfrac12\sqrt{n}$$
Anschaulich: Bei \(p\) nahe \(0\) oder \(1\) ist der Ausgang fast sicher, da streut wenig.
Ein Werk produziert mit \(2\,\%\) Ausschuss. In einer Lieferung von \(500\) Stück — wie viele defekte Teile sind zu erwarten, und wie stark schwankt das?
$$\mu = 500\cdot 0{,}02 = 10$$
$$\sigma = \sqrt{500\cdot 0{,}02\cdot 0{,}98} = \sqrt{9{,}8} \approx 3{,}13$$
Erwartet werden \(10\) defekte Teile; wegen \(\sigma \gt 3\) liegen rund \(68\,\%\) der Lieferungen zwischen etwa \(7\) und \(13\) defekten Teilen.