Normalverteilung

Ein Histogramm besteht aus Säulen, und Säulen sind kantig. Macht man \(n\) aber immer größer, wird aus der Treppe eine Kurve — und zwar immer dieselbe, ganz gleich womit man angefangen hat.

Ausprobieren

Blau ist die Binomialverteilung zu \(n\) und \(p\), rot die Gauß’sche Glockenkurve zu denselben \(\mu\) und \(\sigma\). Der Ausschnitt wandert mit — geschaut wird immer auf \(\mu \pm 4\sigma\). Dreh \(n\) hoch.

\(P(X=k)\) der Binomialverteilung Glockenkurve \(\varphi_{\mu;\,\sigma}\)
\(n\) 8
\(p\) 0,50
Merke · Diskret und stetig

Daraus folgt etwas Ungewohntes: Bei einer stetigen Zufallsgröße ist

$$P(X=a) = \int_a^a \varphi_{\mu;\,\sigma}(x)\,\mathrm{d}x = 0$$

für jede Zahl \(a\) — eine Fläche ohne Breite. Deshalb spielt es keine Rolle, ob die Grenzen dazugehören:

$$P(a \le X \le b) = P(a \lt X \lt b)$$

Bei der Binomialverteilung ist dieser Unterschied dagegen entscheidend: \(P(X\le 5)\) und \(P(X\lt 5)\) unterscheiden sich um die ganze Säule \(P(X=5)\).

Definition · Normalverteilung

Eine stetige Zufallsgröße \(X\) heißt normalverteilt mit Erwartungswert \(\mu\) und Standardabweichung \(\sigma\), wenn für alle \(a \le b\) gilt:

$$P(a \le X \le b) = \int_a^b \varphi_{\mu;\,\sigma}(x)\,\mathrm{d}x$$

Dabei ist \(\varphi_{\mu;\,\sigma}\) die Gauß’sche Glockenfunktion:

$$\varphi_{\mu;\,\sigma}(x) = \frac{1}{\sigma\sqrt{2\pi}}\cdot e^{-\frac{(x-\mu)^2}{2\sigma^2}}$$

Ihr Graph heißt Gauß’sche Glockenkurve. Auswendig lernen muss man den Term nicht — aber man erkennt die Bausteine aus Kapitel II wieder: ein \(e\)-Term mit negativem Exponenten, deshalb fällt die Kurve nach beiden Seiten rasch gegen \(0\).

Merke · Die Glockenkurve skizzieren

Für eine Skizze braucht man nur \(\mu\) und \(\sigma\):

Also: \(\mu\) verschiebt die Kurve, \(\sigma\) streckt sie in die Breite und drückt sie dabei in der Höhe zusammen.

Die \(\sigma\)-Regeln
BereichWahrscheinlichkeit
\(\mu-\sigma \le X \le \mu+\sigma\)\(\approx 68{,}3\,\%\)
\(\mu-2\sigma \le X \le \mu+2\sigma\)\(\approx 95{,}4\,\%\)
\(\mu-3\sigma \le X \le \mu+3\sigma\)\(\approx 99{,}7\,\%\)

Diese Werte hängen nicht von \(\mu\) und \(\sigma\) ab — sie gelten für jede Normalverteilung. Damit lässt sich vieles ohne WTR abschätzen.

Der WTR-Befehl heißt meist normal cdf; er will eine untere und eine obere Grenze. Für „höchstens \(a\)“ gibt man als untere Grenze eine sehr kleine Zahl ein, für „mindestens \(a\)“ als obere eine sehr große.

Beispiel · Abfüllanlage

Eine Anlage füllt Flaschen. Die Füllmenge \(X\) (in ml) ist näherungsweise normalverteilt mit \(\mu = 500\) und \(\sigma = 3\).

a) Anteil zwischen \(497\) und \(503\) ml. Das ist genau \(\mu \pm \sigma\), also ohne Rechnung:

$$P(497 \le X \le 503) \approx 68{,}3\,\%$$

b) Anteil zwischen \(495\) und \(505\) ml — mit dem WTR:

$$P(495 \le X \le 505) \approx 0{,}9044$$

c) Anteil mit weniger als \(494\) ml. Untere Grenze sehr klein wählen:

$$P(X \lt 494) \approx 0{,}0228$$

Das sind gut \(2\,\%\) — und weil \(494 = \mu - 2\sigma\) ist, passt das zur \(2\sigma\)-Regel: Außerhalb liegen \(100\,\% - 95{,}4\,\% = 4{,}6\,\%\), und davon die Hälfte unterhalb.

Teste dich

Zwei Glockenkurven haben dasselbe \(\mu\), aber die eine ist deutlich höher. Welche hat das größere \(\sigma\)?

Die flachere. Die Fläche unter jeder Glockenkurve ist \(1\); wird die Kurve breiter, muss sie flacher werden.

Rechnerisch steht \(\sigma\) im Nenner der Maximalhöhe \(\frac{1}{\sigma\sqrt{2\pi}}\) — großes \(\sigma\), kleiner Gipfel.

Die Körpergröße einer Gruppe ist normalverteilt mit \(\mu = 170\) cm und \(\sigma = 8\) cm. Wie groß ist \(P(162 \le X \le 178)\)?

Es ist \(162 = \mu-\sigma\) und \(178 = \mu+\sigma\), also greift die erste \(\sigma\)-Regel:

$$P(162 \le X \le 178) \approx 68{,}3\,\%$$

Mit dem WTR käme \(0{,}6827\) heraus — dieselbe Zahl.

Worin unterscheiden sich binomialverteilte und normalverteilte Zufallsgrößen?
  • WerteBinomialverteilt: nur die ganzen Zahlen \(0\) bis \(n\). Normalverteilt: jede reelle Zahl.
  • WahrscheinlichkeitBinomialverteilt: die Höhe einer Säule, berechnet mit der Formel von Bernoulli. Normalverteilt: eine Fläche unter der Glockenkurve, berechnet als Integral.
  • EinzelwertBinomialverteilt ist \(P(X=k) \gt 0\), normalverteilt ist \(P(X=a) = 0\).
  • ParameterBinomialverteilt \(n\) und \(p\), daraus \(\mu = n\cdot p\) und \(\sigma = \sqrt{n\,p\,(1-p)}\). Normalverteilt sind \(\mu\) und \(\sigma\) selbst die Parameter.

Gemeinsam ist ihnen die Form: Für großes \(n\) sieht das Histogramm aus wie die Glockenkurve — das ist genau die Beobachtung aus dem Schaubild oben.