Normalverteilung
Ein Histogramm besteht aus Säulen, und Säulen sind kantig. Macht man \(n\) aber immer größer, wird aus der Treppe eine Kurve — und zwar immer dieselbe, ganz gleich womit man angefangen hat.
Blau ist die Binomialverteilung zu \(n\) und \(p\), rot die Gauß’sche Glockenkurve zu denselben \(\mu\) und \(\sigma\). Der Ausschnitt wandert mit — geschaut wird immer auf \(\mu \pm 4\sigma\). Dreh \(n\) hoch.
- Diskrete ZufallsgrößeNimmt nur einzelne Werte an, hier \(0,\ 1,\ \ldots,\ n\). Eine Wahrscheinlichkeit ist die Höhe einer Säule, und \(P(X=k)\) ist eine echte Zahl größer als \(0\).
- Stetige ZufallsgrößeKann jede reelle Zahl annehmen — Körpergröße, Masse, Wartezeit. Eine Wahrscheinlichkeit ist eine Fläche unter einer Kurve, also ein Integral.
Daraus folgt etwas Ungewohntes: Bei einer stetigen Zufallsgröße ist
$$P(X=a) = \int_a^a \varphi_{\mu;\,\sigma}(x)\,\mathrm{d}x = 0$$
für jede Zahl \(a\) — eine Fläche ohne Breite. Deshalb spielt es keine Rolle, ob die Grenzen dazugehören:
$$P(a \le X \le b) = P(a \lt X \lt b)$$
Bei der Binomialverteilung ist dieser Unterschied dagegen entscheidend: \(P(X\le 5)\) und \(P(X\lt 5)\) unterscheiden sich um die ganze Säule \(P(X=5)\).
Eine stetige Zufallsgröße \(X\) heißt normalverteilt mit Erwartungswert \(\mu\) und Standardabweichung \(\sigma\), wenn für alle \(a \le b\) gilt:
$$P(a \le X \le b) = \int_a^b \varphi_{\mu;\,\sigma}(x)\,\mathrm{d}x$$
Dabei ist \(\varphi_{\mu;\,\sigma}\) die Gauß’sche Glockenfunktion:
$$\varphi_{\mu;\,\sigma}(x) = \frac{1}{\sigma\sqrt{2\pi}}\cdot e^{-\frac{(x-\mu)^2}{2\sigma^2}}$$
Ihr Graph heißt Gauß’sche Glockenkurve. Auswendig lernen muss man den Term nicht — aber man erkennt die Bausteine aus Kapitel II wieder: ein \(e\)-Term mit negativem Exponenten, deshalb fällt die Kurve nach beiden Seiten rasch gegen \(0\).
Für eine Skizze braucht man nur \(\mu\) und \(\sigma\):
- Hochpunkt bei \(x=\mu\)Die Höhe dort ist \(\varphi_{\mu;\,\sigma}(\mu) = \frac{1}{\sigma\sqrt{2\pi}}\).
- Wendepunkte bei \(x=\mu-\sigma\) und \(x=\mu+\sigma\)Dort geht die Kurve vom Rechts- ins Linksgekrümmte über — genau eine Standardabweichung neben dem Gipfel.
- Achsensymmetrisch zur Geraden \(x=\mu\)Links und rechts sieht die Kurve gleich aus.
- Gesamtfläche \(1\)Die Fläche zwischen Kurve und \(x\)-Achse ist immer \(1\) — deshalb wird die Kurve flacher, wenn sie breiter wird.
Also: \(\mu\) verschiebt die Kurve, \(\sigma\) streckt sie in die Breite und drückt sie dabei in der Höhe zusammen.
| Bereich | Wahrscheinlichkeit |
|---|---|
| \(\mu-\sigma \le X \le \mu+\sigma\) | \(\approx 68{,}3\,\%\) |
| \(\mu-2\sigma \le X \le \mu+2\sigma\) | \(\approx 95{,}4\,\%\) |
| \(\mu-3\sigma \le X \le \mu+3\sigma\) | \(\approx 99{,}7\,\%\) |
Diese Werte hängen nicht von \(\mu\) und \(\sigma\) ab — sie gelten für jede Normalverteilung. Damit lässt sich vieles ohne WTR abschätzen.
Der WTR-Befehl heißt meist normal cdf; er will eine untere und eine obere Grenze. Für „höchstens \(a\)“ gibt man als untere Grenze eine sehr kleine Zahl ein, für „mindestens \(a\)“ als obere eine sehr große.
Eine Anlage füllt Flaschen. Die Füllmenge \(X\) (in ml) ist näherungsweise normalverteilt mit \(\mu = 500\) und \(\sigma = 3\).
a) Anteil zwischen \(497\) und \(503\) ml. Das ist genau \(\mu \pm \sigma\), also ohne Rechnung:
$$P(497 \le X \le 503) \approx 68{,}3\,\%$$
b) Anteil zwischen \(495\) und \(505\) ml — mit dem WTR:
$$P(495 \le X \le 505) \approx 0{,}9044$$
c) Anteil mit weniger als \(494\) ml. Untere Grenze sehr klein wählen:
$$P(X \lt 494) \approx 0{,}0228$$
Das sind gut \(2\,\%\) — und weil \(494 = \mu - 2\sigma\) ist, passt das zur \(2\sigma\)-Regel: Außerhalb liegen \(100\,\% - 95{,}4\,\% = 4{,}6\,\%\), und davon die Hälfte unterhalb.
Teste dich
Zwei Glockenkurven haben dasselbe \(\mu\), aber die eine ist deutlich höher. Welche hat das größere \(\sigma\)?
Die flachere. Die Fläche unter jeder Glockenkurve ist \(1\); wird die Kurve breiter, muss sie flacher werden.
Rechnerisch steht \(\sigma\) im Nenner der Maximalhöhe \(\frac{1}{\sigma\sqrt{2\pi}}\) — großes \(\sigma\), kleiner Gipfel.
Die Körpergröße einer Gruppe ist normalverteilt mit \(\mu = 170\) cm und \(\sigma = 8\) cm. Wie groß ist \(P(162 \le X \le 178)\)?
Es ist \(162 = \mu-\sigma\) und \(178 = \mu+\sigma\), also greift die erste \(\sigma\)-Regel:
$$P(162 \le X \le 178) \approx 68{,}3\,\%$$
Mit dem WTR käme \(0{,}6827\) heraus — dieselbe Zahl.
Worin unterscheiden sich binomialverteilte und normalverteilte Zufallsgrößen?
- WerteBinomialverteilt: nur die ganzen Zahlen \(0\) bis \(n\). Normalverteilt: jede reelle Zahl.
- WahrscheinlichkeitBinomialverteilt: die Höhe einer Säule, berechnet mit der Formel von Bernoulli. Normalverteilt: eine Fläche unter der Glockenkurve, berechnet als Integral.
- EinzelwertBinomialverteilt ist \(P(X=k) \gt 0\), normalverteilt ist \(P(X=a) = 0\).
- ParameterBinomialverteilt \(n\) und \(p\), daraus \(\mu = n\cdot p\) und \(\sigma = \sqrt{n\,p\,(1-p)}\). Normalverteilt sind \(\mu\) und \(\sigma\) selbst die Parameter.
Gemeinsam ist ihnen die Form: Für großes \(n\) sieht das Histogramm aus wie die Glockenkurve — das ist genau die Beobachtung aus dem Schaubild oben.